Ich muss ein wenig ausholen: Nach der Übergabe der DDR gründete ich mit Gleichgesinnten eine Druckerei, die nach der Einführung des Euros ins Straucheln kam. Einen Überziehungskredit gab es bei der Deutschen Bank nur gegen astronomische Bürgschaft, die ich ablehnte und aus der Firma ausstieg. Ich meldete mich auf dem Arbeitsamt, 58 Jahre alt. Die Mitarbeiterin an der Rezeption schaute an mir herauf und herunter und sagte seufzend: „Ja, ja, die letzten sieben Jahre können zur Hölle werden.“ Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, was sie meinte.
Im Inneren des Amtes sagte ich: Mir fällt schon was ein. Antwort: Aber schnell, sonst schicke ich Sie zum Laubfegen. Mir fiel etwas ein. Ich gründete eine Schreibwerkstatt, woraus dann der WiedenVerlag wurde, der mich bis zur Rente notdürftig ernährte. In meiner Gewerbeanmeldung steht: Herstellung und Verkauf von Büchern und Drucksachen.
Inzwischen habe ich über einhundert Buchtitel veröffentlicht. Wer so etwas Ähnliches auch macht, weiß, dass reich an Geld immer die Anderen werden, wer immer sie sind. Aber reich kann man auch anders werden. Es gibt viele wunderbare Momente mit Autoren und Kunden bei Gesprächen über Dinge ohne monetären Anhang.
Wenn nur nicht diese (sicher seltener gewordenen) ewig siegenden Westüberraschungen wären. Immer noch trifft man auf diese wichtigen Leute, die einem den Appetit verderben. Es sind jene, die ihren missionarischen Eifer noch immer nicht einhegen können. Dabei gibt es großartige Leute unter den Wessis!
Da fragt also jemand über E-Mail an, sie wolle ein Buch veröffentlichen mit Interviews von Leuten an der ehemaligen Grenze, wie sie „Einheit“ heute sehen. Ich antworte, das interessiert mich schon, „wenn Ihre Interviewpartner nicht ausschließlich in Bautzen Eingesessene sind.“ Ich teile weiter meine Bedingungen mit, unter denen ich eine Kleinauflage fertigen könnte. Natürlich muss sich heutzutage der Autor finanziell beteiligen, aber immer bleibt ein höherer Gewinnanteil für den Autor übrig als die lausigen 8% Tantiemen bei großen Verlagen — wenn, ja wenn die Bücher verkauft werden. Geld für Werbefond hat ein kleiner Verlag nicht, dessen Achillesferse eben ist: Das Buch ist da und keiner weiß es. Die Dame fragt auch nach einem Lektorat. Nein, habe ich nicht, Lektor ist zu teuer. Ich lese, meine Frau liest, ein Dritter liest Korrektur. Ja, der eine oder andere Fehler bleibt. Ja, ich ärgere mich darüber sehr. Bei der nächsten Auflage ist der Fehler raus.
Zwei Tage später ist die Rückantwort per E-Mail da. Nach dem zweiten Satz weiß ich: Die Dame stammt aus dem Westen. Sie weist mich in die Schranken, ich sei ja ein schlichter Geschäftemacher! Ich erkenne, ich bin ein Untier im deutschen Verlagswesen, gewissermaßen ein Eiterpickel an der germanischen Breitbrust der Literatur. Die Dame will sich statt meiner lieber ihrer eigenen Verlässlichkeit anvertrauen. Das beruhigt mich doch sehr.
Übrigens: Rein zufällig bin ich gerade dabei, meinen Roman „Die Abseitigen“ fertigzustellen. Die Abseitigen sind wir aus dem Osten. Meine Romanabseitigen jedoch erzwingen über einen Volksentscheid eine Abspaltung von der BRD. Sie gründen eine eigene Räterepublik, um sich vor dem bevormundenden Westen zu schützen. In dieser Dichtung sind Menschen am Werk, die nicht nur meckern, sondern eine andere Gesellschaft erwägen und wagen. Ausgang wird nicht verraten. Jedenfalls wählt von meinen Protagonisten keiner die AfD; sie spucken in die Hände und machen noch ganz andere Sachen.
Vielleicht wählen die Ossis heute deswegen überwiegend die AfD, weil hinter jedem von ihnen noch immer oder schon wieder so ein kleiner Stänkerer aus dem Westen steht. Das werden gefühlte zwei Millionen Politikwissenschaftler noch herausfinden.
Rainer Stankiewitz, im August 2026
